Kulturelle Hintergründe

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"This land is me"

"This land is mine" – "Das Land gehört mir" würden die meisten Weißen in Australien sagen, wenn sie von ihrem Land sprechen. Provokativ könnte man hinzufügen: auch wenn das eigentlich gar nicht stimmt.

Zum Hintergrund: Australien wurde von den Engländern – obwohl die Aborigines dort bereits für mehr als 40.000 Jahre lebten – als Terra Nullius erklärt, weil sie keine Häuser, keine Zäune und keine sichtbaren Zeichen von Bewirtschaftung vorfanden. Das Land wurde für die englische Krone annektiert. Die Aborigines erhielten in ihrem eigenen Land erst 1967 die Bürgerrechte. Da es weder eine Unterwerfung noch ein Treaty gab, ist die Terra Nullius - Erklärung bis heute zweifelhaft und wurde 1992 im legendären Mabo Prozess vom obersten Gerichtshof Australiens erstmals widerlegt. Das hatte eine Welle von Landanspruchsklagen durch die Aborigines und 1994 den Native Title Act zur Folge.

Die Aborigines sagen – und das ist weit mehr als eine sprachliche Feinheit:
"THIS LAND IS ME" – "Das Land, das bin ich", oder anders ausgedrückt: "Wir gehören dem / zum Land!"

 

TJUKURRPA

Diese tiefe Identifikation der Aborigines mit ihrem Land kommt von der Schöpfungsgeschichte, die in der Central Desert (in der Sprache der Warlpiri) Tjukurrpa, im Englischen Dreaming genannt wird und im Deutschen irreführenderweise oft mit "Traumzeit" übersetzt wird (irreführend deshalb, weil sie weder etwas mit Träumen noch mit einer bestimmten Zeit zu tun hat, da die Tjukurrpa für die Aborigines real und allgegenwärtig ist).
Diese Schöpfungsgeschichte ist zwar in verschiedenen Regionen des Landes unterschiedlich. Sie geht jedoch immer in irgendeiner Form davon aus, dass aus dem Land die Urahnen der heutigen Menschen hervorgegangen sind. Diese Schöpferwesen haben die Erde in ihrer heutigen Form gestaltet, heilige Orte und Wasserlöcher geschaffen und den Menschen ihre Lieder, Zeremonien und Gesetze gegeben, bevor sie schließlich wieder in irgendeiner Form in das Land eingegangen sind.
Die Aborigines sehen sich als direkte Nachfahren dieser mythologischen Wesen. Dies erklärt ihren tiefen Bezug zu bestimmten Charakteristika der Landschaft und zu bestimmten Pflanzen oder Tieren. Das Land ist ihre Mutter, zu der sie nach ihrem Tod wieder zurückkehren, die Tjukurrpa ihr Gesetz (The Law)  und ihre "innere Heimat".

Somit ist die Tjukurrpa allgegenwärtig und reicht von der Vergangenheit bis in die Zukunft, steht heute aber nicht selten in Konflikt mit der "weißen Welt".

 

Assimilationspolitik

So verwundert es auch nicht, dass die Assimilationspolitik der Regierung zwischen 1940 und 1960 mit den Zwangsumsiedlungen von Aboriginal - Klans von ihrem jeweils zugehörigen Land in entfernte Reservate neben dem Programm, Mischlinge ihren Eltern wegzunehmen und bei weißen Familien und in Waisenhäusern fernab von ihrem Land großzuziehen (heute als Stolen Generation bekannt), zu den schmerzhaftesten Erfahrungen dieses Volkes gehören. Ergebnis ist eine Vielzahl von Aborigines, die ihre Identität und oft auch ihre Würde verloren haben. In vielen Fällen mündeten die politischen Freiheiten, die zu Beginn der 1970er Jahre den Aborigines gewährt wurden, sofort in eine Rückbewegung zum zugehörigen Heimatland (sogenannte Homeland - Bewegung) .
Auch für die Aborigines, die viele Jahre in Missionen verbrachten, die zwar Schutz und Nahrung boten, das Volk durch eine übergestülpte Religion aber ebenfalls von ihrer Kultur entfremdeten, ist es ein wichtiges Erlebnis, wenn sie von Zeit zu Zeit ihr angestammtes Land bereisen können.

Das Wissen von der Tjukurrpa und die Kraft und Energie der Vorfahren wird mittels Gesang, Tanz und Kunst aufrechterhalten und von Generation zu Generation weitergegeben. Insofern ist die Kunst der Aborigines etwas ganz Praktisches und als Ersatz für eine Schrift zu verstehen.

Fotos (v.l.n.r.):
Judy Watson Napangardi (Mitte) u.a. mit Grabstock und traditioneller Körperbemalung in Mina Mina © Warlukurlangu Artists
Wandjina Felsgemälde aus den Kimberley © ARTKELCH
Old Walter Tjampitjinpa and Old Mick Wallankari Tjakamarra bei der Vorbereitung eines Sandgemäldes für Geoff Bardons Film A Calendar of Dreaming aus: Herbert F. Johnson Museum of Art, Cornell University, Benjamin, R. (Ed.): Icons of the Desert. Early Aboriginal Paintings From Papunya, New York, 2009, S. 33